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Die „Euro-Krise“

…auch „Schuldenkrise“ genannt. Wow. Wenn ich mir überlege, wie blöd das alles ist…

Im Zusammenhang mit der extremen Verschuldung der Euro-Länder liest man ja nicht nur in der Boulevard-Presse davon, wie einleuchtend es doch jedem Normalbegabten sein müsste, dass das alles jetzt alles den Bach runtergehen müsse. Schließlich sei bei einer jährlichen Weltwirtschaftsleistung von soundsovielt Billionen Euro ein Finanzsystem unmöglich, aufgebläht und nur noch spekulativ, wenn hier das Vielfache dieser ohnehin schon unglaublichen Zahl zu nennen sei.

Tja, so einfach ist es nun aber auch wieder nicht. Denn wer so etwas schreibt, sollte sich vielleicht erst einmal mit dem Thema Geldschöpfung auseinandersetzen. Denn eigentlich ist es ganz einleuchtend, dass es viel mehr Geld im System gibt als das, was eine Zentralbank an Geld tatsächlich ausgibt. Und das geht so:

Die Zentralbank (für den Euro die EZB) gibt 1.000 Euro aus. Zehn Banken bekommen je 100 Euro zugeteilt. Jede dieser Banken vermerkt also 100 Euro auf der Passivseite (denn sie hat jetzt in dieser Höhe ja Schulden an die EZB). Die Passivseite bezeichnet auch die Mittelherkunft, sie gibt also darüber Auskunft, woher das Geld eines Wirtschaftsunternehmens kommt. So haben also jetzt 10 Banken je 100 Euro auf ihrer Passivseite stehen. Genauso haben diese 10 Banken auch denselben Betrag jeweils auf ihrer Aktivseite stehen. Zunächst in der Kasse. Das ist auf der Aktivseite, auch Mittelverwendung genannt. Sie hat also die 100 Euro der EZB dafür verwendet, diese in die Kasse zu legen.

Jetzt leiht jede dieser Banken jeweils 50 Euro an ihre Kunden aus. Damit sieht die Bilanz einer jeden Bank zunächst so aus: 100 Euro passiv, 50 Euro Kasse (aktiv) und weitere 50 Euro im Kreditbuch (ebenfalls aktiv) in Form von Ausleihungen an Kunden. Damit ist die Bilanz nur auf der Aktivseite anders als vorher. Da die Kunden jetzt auch schon jeweils eine Bilanzsumme von 50 Euro haben (also 50 Euro auf der Passivseite: Schulden an ihre jeweilige Bank, 50 weitere Euro auf der Aktivseite in der Kasse), ist die Geldmenge schon auf 1.500 Euro gestiegen. Und das, ohne dass die EZB auch nur einen einzigen weiteren Cent Kredit an eine Bank vergeben hätte.

Jetzt zahlen alle dieses Kunden jeweils die 50 Euro bei ihren Banken auf ihre Firmenkonten ein. Somit haben nun also wieder 10 weitere Banken eine Bilanzverlängerung: Ihre Passivseite steigt um jeweils 50 Euro (Schulden an ihre Firmenkunden) und können diese wieder an weitere Kunden ausleihen. Und so geht das theoretisch immer weiter.

Zählt man also alle Bilanzen aller Banken und Firmen zusammen, kommt man auf schier unglaublich hohe Summen, die ein Vielfaches des Geldes sind, das die EZB (und natürlich auch sämtliche Zentralbanken der Welt) jemals an Geld ausgegeben haben.

Soweit war es noch einfach, denn es ging um Bar- und Buchgeld.

Wenn man den Betrachtungskreis jetzt allerdings etwas ausweitet, wird schnell deutlich, warum „das Finanzsystem“, „die Märkte“ und wie man dieses anonyme Etwas so landläufig in der Presse bezeichnet, mit viel größeren Beträgen hantiert oder – wenn man es denn messen will -viel mehr Volumen auf die Waage bringt.

Ein Derivat ist eine Ab- oder Unterart von etwas. Derivate sind im Finanzsystem schon seit jeher bekannt, sie sind nichts neues. Beispiel: Ich schaue mir die wirtschaftlichen Prognosen für die USA für das kommende Jahr an. Ich leite davon eine Erwartung ab, die mir sagt, ob die Zinsen im Dollar-Bereich steigen werden, ob sie eher gleich bleiben oder wahrscheinlich eher fallen. Ich suche mir jemanden, mit dem ich wetten kann. Jemanden, der genau anderer Meinung ist als ich. Ich wette mit ihm, dass der Dollar am 1.7.2012 im Verhältnis zum Euro genau 10% mehr wert sein wird als heute. Er schlägt ein: Die Wette gilt. Derjenige, der gewinnt, bekommt auf den Nominalwert von 100.000 Dollar die Differenz überwiesen. So. Jetzt haben zwei Menschen je ein Derivat abgeschlossen, das jeweils 100.000 USD „wert“ ist. Wow. Das sagt überhaupt gar nichts darüber aus, wieviel Geld der eine dem anderen am Zahltag schulden wird. Es hat lediglich einen (doppelten) Nominalwert (wird zwei Mal gezählt), sonst nichts. Ob jemals Geld fließen wird und wie viel, steht bis zum 1. Juli des kommenden Jahres in den Sternen. Aber es hat das „Geldvolumen“ (was es ja eigentlich gar nicht ist), massiv aufgebläht.

Das einzige, was das aussagt, ist, dass sich zwei Parteien gefunden haben, die miteinander eine Wette geschlossen haben. Na und? Wenn heute ein Hedgefonds-Manager darauf wettet, dass der Euro in einem halben Jahr nur noch die Hälfte oder das Doppelte seines heutigen Werts haben wird, muss er ja auch erst mal jemanden finden, der gegen ihn wettet. Was ist das also alles? Eine große Wette. Zockerei. Völlig richtig. Und damit auch „human nature“. Wer von uns ist nicht auch ein wenig ein Zocker? Jeder tut’s, der eine weniger, der andere mehr. Die einen machen es aus Lust und Laune, andere verdienen ihr Geld damit. Ist das schändlich? Und wenn ja, warum?

Es wird sich keiner heute ernsthaft hinstellen wollen und behaupten, die Schuldenkrise sei nicht absehbar gewesen. Wer so etwas behauptet, sollte sich einmal die Entwicklung der Staatsverschuldung der BRD in den letzten 40 Jahren ansehen. Das kann man beispielsweise hier tun. Hätte ich als Privatmensch die vergangenen Jahre jedes Mal eine „Nettoneuverschuldung“ veranstaltet, wäre ich in absehbarer Zeit auch pleite gewesen, nämlich vor vielen Jahren. Der einzige Unterschied zum Staat: Ich kann nicht mein eigenes Geld drucken. Da hat das Euroland mit seiner EZB schon einen gehörigen Vorteil. Vielleicht sollte ich mir mal eine Geldpresse bei Giesecke & Devrient in München bestellen? Mal sehen, ob die nen Online-Shop haben.

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